Es war einst die beliebteste Sportart Amerikas: Das sechstägige Fahrradrennen ist genau das, was der Name vermuten lässt - und noch viel mehr.
Babe Ruth und Joe DiMaggio waren Fans. Auch die Schauspielerin Barbara Stanwyck war regelmäßig in der Menge zu entdecken. Der Footballtrainer von Notre Dame, Knute Rockne, war ein begeisterter Anhänger. Und Bing Crosby soll angeblich die Krankenhausrechnungen für verletzte Rennteilnehmer übernommen haben. Sie haben vermutlich noch nie etwas vom sechstägigen Fahrradrennen gehört, doch zu seiner Zeit gab es kein größeres Ereignis als einen „Sechs-Täger”.
Was genau ist also dieses einzigartige Erlebnis? Während die moderne Version des Sports ein wenig vom Original abweicht, handelt es sich dabei im Prinzip um sechs Tage voll extrem konkurrenzbetonter Rennen - sieben oder acht verschiedene Rennarten pro Tag: Geschwindigkeitsrennen, Ausdauerrennen, Einzelrunden-Ausscheidungsrennen, und noch mehr. Die Sportler treten in Zweierteams an - so kann sich einer jeweils erholen, während der andere seine Runden auf der Rennbahn dreht, mit dem Ziel, so viele Runden wie möglich zu schaffen. Am Ende des sechstägigen Ereignisses gewinnt das Team, das die längste Strecke zurückgelegt hat.
„Es ist unvermeidlich: Wenn man ein Sechstagerennen hinter sich hat ist man einfach ein besserer Fahrer.”
— Jackie Simes
Der deutsche Radfahrer Robert Bartko während seines zweiten Tags der UCI Track Cycling Weltmeisterschaft 2005 in Carson, Kalifornien.
Das Rennen, das Ende des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen wurde, sollte die Grenzen der Sportler testen. Zuerst waren die Rennteilnehmer von früh morgens bis spät abends auf der Rennbahn, wachten am nächsten Tag auf und traten wieder gegeneinander an. Schließlich wurde der Sport zermürbender, als die Rennfahrer 24 Stunden pro Tag auf der Bahn gegeneinander antraten, wobei sich ein Teammitglied jeweils erholte, während der andere weiter fuhr. Ein Artikel in der New York Times aus dem Jahre 1897 beschreibt die extreme Natur des Sports: „Ein sportlicher Wettkampf, der die Kräfte der Teilnehmer ausreizt, bis deren Gesichter verstellt sind von den Qualen, die sie durchleiden, ist kein Sport. Das ist unmenschlich. Tage- und wochenlange Erholung ist nötig, um die Rennfahrer vom Madison Square Garden wieder herzustellen und wahrscheinlich werden sich einige nie ganz von den Strapazen erholen.”
Titelseite eines alten Programmhefts für ein Sechstagerennen.
„Auf ihrem Höhepunkt, in den 1930er und 1940er Jahren, waren die sechstägigen Fahrradrennen unglaublich beliebt”, so Jack Simes, CEO des Nationalen Radsportverbands. „Madison Square Garden und andere Arenen im ganzen Land waren ausverkauft bis auf den letzten Platz und die Rennfahrer zählten zu den berühmtesten Athleten ihrer Zeit.”
Obwohl die Sportart in Amerika von der Bildfläche verschwunden ist (Simes hofft allerdings, dass er das ändern wird), sind die Sechstagerennen in Europa nach wie vor beliebt. Dort finden sie in ausverkauften Velodromen oder Arenen mit Radrennbahnen statt, etwa in Städten wie Rotterdam, Berlin oder Gent, wo die Fans die einzigartige Kombination aus aufreibender Sportlichkeit und festivalähnlicher Stimmung genießen. „Wenn Sie noch nie zuvor ein Sechstagerennen gesehen haben, wird es Sie von den Socken hauen”, meint John Wilcockson, ein renommierter Radjournalist.
„Ich liebe diesen Wettbewerb”, meint der professionelle Radfahrer Jackie Simes (Jacks 23 Jahre alter Sohn), der schon an mehreren Rennen in Europa teilgenommen hat. „Es ist nicht nur die Intensität des Rennens, die wahnsinnig hoch ist, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der man auf der Bahn reagieren muss, was mir in jederlei Hinsicht beim Fahren hilft.” Und tatsächlich sind einige der aktuell besten Straßenfahrer in den Velodromen zu finden, wie etwa der deutsche Olympiasieger Robert Bartko, Roger Kluge und Danilo Hondo, sowie die dänischen Stars Michael Morkov und Alex Rasmussen. „Es ist unvermeidlich: Wenn man ein Sechstagerennen hinter sich hat ist man einfach ein besserer Fahrer”, meint Simes.
Heutzutage sind die Sechstagerennen wesentlich menschlicher (circa acht Stunden auf dem Fahrrad, verglichen mit 24, und auch das nicht an einem Stück), doch die Fans haben nach wie vor Spaß daran, die Sportler dabei zu beobachten, wie sie ihre Runden drehen. Und im Gegensatz zu den Straßenrennen findet alles in der Arena statt. „Denken Sie doch einmal darüber nach”, meint Wilcockson. „Bei der Tour de France stehen die Menschen stundenlang am Fuße eines Berges und dann, innerhalb von wenigen Sekunden, rasen die Fahrer vorbei und das war’s. Bei einem Sechstagerennen bekommen Sie alles zu sehen.”
„Die Wurzeln des Sechstagerennens finden sich hier in den Vereinigten Staaten und ich glaube wirklich, dass es in der Sportwelt einen Platz dafür gibt.“
— Jack Simes
Dreidimensionale Darstellung seiner Idee eines Velodroms innerhalb des Kingsbridge Waffenarsenals in New York City vom berühmten Architekten Ralph Schuerman.
Der Höhepunkt der sechstägigen Veranstaltung ist jeweils ein Rennen namens Madison, so benannt zu Ehren des Madison Square Garden - dem ursprünglichen Zentrum des sechstägigen Fahrradrennens. Beim Madison fährt ein Teammitglied mit voller Geschwindigkeit auf der unteren Hälfte der Bahn, während der andere langsam am oberen Teil der Bahn entlang fährt. Plötzlich fällt der obere Fahrer sozusagen nach unten, neben seinen Partner, der ihn an der Hand packt und im wahrsten Sinn des Wortes mit hoher Geschwindigkeit nach vorne schleudert, in der Hoffnung, so gegenüber den anderen Teams eine Runde Vorsprung zu gewinnen. Ein menschliches Katapult, wenn man so will. „Das Madison ist das beste Rennen überhaupt”, so Jackie Simes. „Es ist so dramatisch, wenn man zusieht. Und auch, wenn man es selbst fährt. Timing ist in vielerlei Hinsichten das A und O. Es ist toll.”
Alte Programmtitelseite aus den 1920er Jahren.
Ein weiterer einzigartiger Aspekt des sechstägigen europäischen Ereignisses ist, dass es ein wahrhaftes Erlebnis ist. „Fans sitzen nicht nur passiv herum und sehen dabei zu, wie die Fahrer Runde um Runde drehen“, meint Jack Simes. „Es gibt Essen und Getränke und zwischen den Rennen finden normalerweise Shows statt, beispielsweise tritt ein Sänger oder eine Band auf. Es ist so viel mehr als nur ein Sportereignis.“
Der ältere Simes arbeitet aktuell daran, diese vergnügliche Veranstaltung zurück nach Nordamerika zu bringen. Gegenwärtig wird der Bau eines zeitgemäßen Velodroms in Kingsbridge Armory, einem ehemaligen Waffenarsenal in New York City geplant, um dort - voraussichtlich vom 17. - 22. Mai - ein Sechstagerennen durchzuführen. „Die Wurzeln des Sechstagerennens finden sich hier in den Vereinigten Staaten und ich glaube wirklich, dass es in der Sportwelt einen Platz dafür gibt“, so Simes. „Es ist aufregend. Es ist dramatisch. Und es lässt sich gut im Fernsehen übertragen.”
Und falls Jack Simes sich durchsetzen kann, wird der Radsport den Kreis bald schließen und es auch zu einem Fernseher in Ihrer Nähe schaffen. „Mein Traum ist es, meinen Fernseher anzuschalten und wieder derartige Rennen ansehen zu können“, erklärt er. „Das Sechstagerennen ist ein tolles Ereignis und wenn die Menschen das erst einmal sehen, werden sie es verstehen.“
Lane Strass ist ein freiberuflicher Schriftsteller aus Cleveland. Er schreibt für ESPN The Magazine, Cleveland Magazine und Ohio Magazine. Sein neues Buch Extra Innings ist über amazon.com erhältlich..
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