Modernität. Glamour. Luxus. Das Düsenzeitalter war all das und noch viel mehr. In dieser ersten Ausgabe der Serie „The Golden Age of Travel“ (Das Goldene Zeitalter des Fliegens) untersucht der britische Historiker und Autor Nicolas Foulkes jene faszinierende Periode in der Geschichte der Aeronautik.
Früher einmal war das Reisen in einem Düsenjet etwas Besonderes. Zu Fliegen hieß, dass man zu den wenigen Auserkorenen gehörte, die erlebt hatten, was es bedeutete, modern zu sein. Es ist noch gar nicht so lange her, dass das Reisen mit dem Flugzeug mit einer magischen Bedeutung behaftet war, die Phantasien von einer Welt voll von lebendigen Farben und zauberhaftem Glanz hervorrief. Auch wenn das in einer Welt schwer vorstellbar ist, in der Fluggäste eher mit Verspätungen denn mit Speiseoptionen konfrontiert werden und zusätzliche Kosten wesentlich wahrscheinlicher sind als zusätzlicher Service, so war die Reise einst doch mindestens so aufregend wie das Ziel selbst. Erst jetzt, ein halbes Jahrhundert später, können wir aus der Distanz betrachtet erkennen, was das Düsenzeitalter wirklich war: Ein definierter historischer Zeitraum von nicht mehr als ein paar Jahrzehnten, während dem Technologie gemeinsam mit Berühmtheit die Vorstellungskraft der Öffentlichkeit auf eine Art und Weise in den Bann zog, wie es heute undenkbar wäre.
Titelblatt der Zeitschrift Life vom 25. August 1958: zwei Flugbegleiterinnen.
Vom technischen Standpunkt aus war die Geburtsstunde des Düsenzeitalters in den 1930er Jahren, als der deutsche Ingenieur Joachim Pabst von Ohain und der Engländer Frank White den ersten großen Flugzeugmotor entwickelten. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs flogen Düsenjäger durch die Lüfte und Anfang der 1950er Jahre hatte die De Havilland Comet ihren Betrieb als Passagierflugzeug aufgenommen. Doch das Düsenzeitalter begann erst 1957 richtig, als zum ersten Mal innerhalb eines Jahres mehr Menschen den Atlantik per Flugzeug als mit dem Schiff überquerten.
Bis in die 1950er Jahre war das Reisen zwischen den Kontinenten das, was es in den letzten hundert Jahren gewesen war: Die letzte große Revolution war die Ankunft der Dampfmaschine gewesen, was zur Inbetriebnahme von Zügen und Ozeandampfern geführt hatte, doch so bedeutsam diese Veränderungen auch gewesen waren - die Menschen blieben nach wie vor mit beiden Beinen fest auf dem Erdboden. Das Düsenzeitalter sollte dies ändern.
Zwischen den Kriegen waren vereinzelte Flugdienste angeboten worden, doch mit der Ankunft der Passagierflugzeuge reisten die Menschen höher, schneller und stilvoller als je zuvor. Nur eine Generation zuvor war die Überquerung des Atlantiks eine wundersame Leistung gewesen, die von Tapferkeit, Erfindungsgabe und Wagemut zeugte und plötzlich machten es alle. Nun, nicht alle.
Menschen, die per Düsenjet reisten, galten automatisch als glamourös. Viele Jahre lang schickten die großen Zeitungen ihre Fotografen an Flughäfen, um Schnappschüsse von den Reichen und Berühmten zu erhaschen, wenn diese aus dem Flugzeug ausstiegen. Es war außerdem eine Zeit der Paradoxe, eine Zeit, in der die Welt der Möglichkeiten wuchs, während sie im Hinblick auf Distanzen gleichzeitig zu schrumpfen schien.
Die moderne Prominenz kristallisierte sich gerade heraus und formte das „internationale Set“, wie Ian Fleming es nannte, wobei sie sich auf ihrer rastlosen Suche nach Vergnügen immer mehr auf den Flugverkehr verließ. Und tatsächlich ist es interessant, die Ankunft des Düsenzeitalters in den James Bond-Romanen zu verfolgen: Diese gehören zu den ersten beliebten fiktiven Werken, in der sich eine mitreißende Mischung aus sybaritischem Luxus und exotischen Orten findet. Der erste Roman, Casino Royale (1953), findet in einem Erholungsort in Frankreich statt, einem Schauplatz, der Menschen in der entschieden irdischen Welt vor dem Düsenzeitalter nicht bekannt gewesen wäre. Die Welt bewegte sich immer schneller und schon bald düste der gefährlichste Geheimagent seiner Majestät gemeinsam mit der Weltelite um den Globus. In seinen Büchern beschreibt Fleming hingebungsvoll das Reisen per Flugzeug, durchzogen von einer beinahe erotischen Stimmung: Der Anblick der Sonne, die Qualität des Essens und das Auskosten solch exotischer Genüsse wie einem „Irish Coffee“.
Der Innenraum einer Boeing 707, die 1958 von der Fluggesellschaft Pan American World Airways eingeführt wurde.
Vor der unvermeidbaren Einführung von Anschnallzeichen und Sicherheitshandbüchern rauchten Reisende, schlürften Cocktails und lasen Zeitschriften in großzügigen Lounges. Auf interkontinentalen Flügen standen VIP-Bars und Schlafbereiche mit Etagenbetten für die Gäste bereit. Man konnte sich das Frühstück sogar von einer makellos gekleideten Stewardess ans Bett bringen lassen. Für die wenigen Menschen, die sich das leisten konnten, war es ein geradezu fürstliches Reiseerlebnis.
Der Jet Set, wie die Schickeria jener Zeit bald genannt wurde, hob erst in den 1960ern Jahren zum ersten Mal richtig ab und unterschied sich in einer Hinsicht deutlich von allen bisherigen Eliten: Sie basierte weder auf Herkunft, noch auf Leistungen. Man konnte die Mitglieder nicht in Büchern nachschlagen. Geld und Berühmtheit waren gleichwertige Währungen. Die Illustrierten und beliebten Zeitungen fungierten als Almanach de Gotha und Debrett’s. Die Reichen und Berühmten liebten Inseln, abgelegene Enklaven, auf denen sie sich so wild aufführen konnten, wie sie nur wollten: Capri, die Bahamas, Sardinien und - natürlich - das Nonplusultra aller Inselressorts: Mustique.
Mit der Ankunft der Passagierflugzeuge reisten die Menschen höher, schneller und stilvoller als jemals zuvor.
(Links) Brigitte Bardot und Ehemann Gunter Sachs bei ihrer Ankunft am Londoner Flughafen, 1967. (Rechts) Richard Burton und Elizabeth Taylor, fotografiert am Flughafen in London, 1966.
So lange man Geld hatte, war der Jet Set demokratisch. Man konnte der Schah des Irans sein oder Liz Taylor, Aristotle Onassis oder Rudolf Nureyev - es spielte keine Rolle, was man machte, vorausgesetzt, man verdiente genügend Geld damit. Vergessen Sie heimliche Liebschaften und unterdrückte Gefühle. Liebe - wie das Leben - musste wagnerisch sein: Burton and Taylor, Callas und Onassis, Sachs und Bardot. Jet-Set-Affären lebten und starben im Rampenlicht der internationalen Lüsternheit: Nur wenige Glückliche (oder zumindest musste es diesen Eindruck erwecken), die lebensechtes Drama in Echtzeit boten, das viele mit offenem Mund staunen ließ.
Wenn man sich im 21. Jahrhundert seinen Weg durch einen überfüllten Flughafen bahnt, scheint die Vorstellung abwegig, dass Reisen einst als glamouröse Aktivität galt - und dennoch war es so. Obwohl das Flugzeug nach wie vor ein allgegenwärtiger Bestandteil unseres Lebens ist, gehört der Glamour des Düsenzeitalters ebenso der Vergangenheit an, wie die Ozeandampfer, die einst vom Düsenjet ersetzt wurden.
Nicholas Foulkes ist ein britischer Historiker, Autor und Journalist, der Bücher über diverse Themen verfasste, wie etwa James Bond, Porzellan und den Trench Coat. Er ist der Luxusredakteur der britischen GQ, Mitbegründer und Chefredakteur von Finch’s Quarterly Review und mitwirkender Herausgeber von Vanity Fair.
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